Ernst-Deutsch-Theater: Magische Momente im "Jahr des magischen Denkens"

Von Armgard Seegers

Hamburg -

Es gibt nur zwei Themen in der Literatur, heißt es, die Liebe und den Tod. Die Autorin Joan Didion hat sich in ihrem autobiografischen Roman und dem daraus entstandenen gleichnamigen Stück "Das Jahr des magischen Denkens" gleich beider Themen angenommen, wenn auch der Tod den weitaus größten Teil einnimmt.

Innerhalb kurzer Zeit hat Didion ihren Mann und ihre einzige Tochter verloren. Nun denkt sie über den Sinn des Lebens, den Sinn des Todes nach, und ihr gelingt dabei auch ein anrührendes Porträt einer großen Liebe.

Es ist mutig vom Ernst-Deutsch-Theater, das Stück auf den Spielplan zu nehmen, auch wenn Vanessa Redgrave damit bereits am Broadway einen großartigen Erfolg feierte. Immerhin geht es an dem gut zweistündigen Abend, der am Donnerstag Premiere hatte, um Trauer, Verlust und Sterben. Noch mutiger ist es von Daniela Ziegler, diesen Text vollkommen solo zu stemmen. Aber es gelingt ihr glänzend. Sie zeigt ganz unsentimental und unpathetisch eine Frau, die versucht den Tod als Tatsache zu verdrängen, weil sie nur so damit fertig werden kann.

Sie beobachtet, betrachtet, beschreibt das Leben, das sie kannte, und sie schaut luzide auf die Veränderungen, denen sie nun ausgesetzt ist. Sie spricht von Selbstmitleid, Überlebensstrategien, dem Gefühls-Auf und -Ab. Und sie muss dabei eine riesige Monologmenge verarbeiten. Sie hat keine Stichworte, kein Gegenüber, nur den Regisseur (Boris von Poser). Einzig ein Stuhl, ein Sessel, ein Schal und ein Stück Kreide als Requisiten (Bühne: Stefan Bleidorn, Kostüme: Elisabeth von Cramm) und eine Monsterwelle, die in Zeitlupe auf einer Leinwand im Bühnenhintergrund heranrauscht, kurz vor dem Zerbrechen.

"Das Leben ändert sich in einem Augenblick", sagt die Protagonistin. Jeder, dem einmal Schreckliches passiert ist, weiß das. Alle anderen fürchten es. Mit magischem Denken begegnet sie dem Alltag. Sie baut sich Konstrukte, die heißen, "wenn ich seine Schuhe nicht wegwerfe, kommt er vielleicht wieder und braucht sie". Sie entzieht sich der Rationalität, der Realität, nur so kann sie stark, ja gelegentlich auch fröhlich sein. Sie weint nicht oder jammert. Sie erkundet die Vergangenheit, ihre Gedanken und Gefühle.

Jeder Mensch hat ja eine Vorstellung vom Leben. Aber oft macht das Leben, was es will. Da Didion Schriftstellerin ist, glaubt sie, man könne sein Leben bearbeiten wie ein Buch, so lange, bis man mit der Fassung zufrieden ist. Jeder Verlust ist einzigartig. Aber das, was Verlust bedeutet, kann jeder verstehen, wenn man wie Daniela Ziegler darstellen kann, dass da, wo ein Einzelner fehlt, die ganze Welt zu Ende scheint. Sie nimmt dieser Frau alles Spleenige und Esoterische. Sie zeigt sie als geradlinige, tatkräftige Frau, die zuweilen träumt. Von der Vergangenheit ebenso wie von der Gegenwart. Sie lässt ihr Leben noch einmal Revue passieren, mäandert gedanklich zwischen den vielen Kleinigkeiten, die es ausmachten. Offenbar war sie eine glückliche Frau - geliebt, erfolgreich, gefragt. Und ganz offenbar ist sie jetzt eine traurige Frau, eine, die einen hohen Preis hat zahlen müssen.

Vielleicht ergreift uns deshalb ihr Schicksal so sehr. Weil wir ebenso wie Joan Didion glauben mögen, dass alles seine Ordnung hat. Daniela Ziegler ist es jedenfalls zu danken, dass der Abend nicht traurig macht, sondern wahre Empfindungen weckt.

erschienen am 19. Januar 2008